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Junge Klientin im vertrauensvollen Gespräch mit einer Fachperson der psychiatrischen Spitex

Die Patientin ist 25 und mobil – warum braucht sie Spitex?

4. Okt.
7 Min. Lesezeit

„Wieso habe ich eine Verordnung für Spitex erhalten? Die Patientin ist 25 Jahre alt und mobil.“

Solche Aussagen hören wir tatsächlich.

Nicht nur von Angehörigen oder Betroffenen. Auch von Hausärztinnen und Hausärzten, Sozialarbeitenden – manchmal sogar von Fachpersonen aus der Psychiatrie.

Und eigentlich ist die Frage verständlich.

Wer „Spitex“ hört, denkt oft zuerst an ältere Menschen, Körperpflege, Wundversorgung, Kompressionsstrümpfe oder Medikamentenabgabe.

Nur: Psychiatrische Spitex funktioniert anders.

Die entscheidende Frage ist bei uns nicht: Kann ein Mensch gehen, duschen oder einkaufen? Sondern: Wie verändert eine psychische Erkrankung den Alltag dieses Menschen – welche Ressourcen bringt die Person selbst mit und welche finden sich in ihrem persönlichen und professionellen Netzwerk?

Mobil zu sein bedeutet nicht automatisch, den Alltag bewältigen zu können

Eine 25-jährige Frau mit Depression kann körperlich völlig gesund und mobil sein. Und trotzdem morgens kaum aus dem Bett kommen.

Ein Mann mit Agoraphobie könnte körperlich problemlos einen Zug besteigen. Vielleicht hat er aber seit Wochen seine Wohnung kaum verlassen.

Eine Person mit ADHS kann intelligent, berufstätig und nach aussen sehr selbstständig wirken und gleichzeitig an Tagesstruktur, Administration, Reizüberflutung oder permanenter Überforderung scheitern.

Ein Mensch nach einer Psychose kann selbstständig einkaufen und kochen. Und trotzdem Schwierigkeiten haben, Frühwarnzeichen wahrzunehmen, Medikamente zuverlässig einzunehmen oder Vertrauen in eine Behandlung aufzubauen.

Psychiatrische Pflege beschäftigt sich deshalb nicht nur mit Defiziten. Sie schaut genauso auf Ressourcen: Was funktioniert trotz der Erkrankung noch? Wer gehört zum Netzwerk? Welche Angehörigen, Freunde oder Fachpersonen wirken stabilisierend? Welche Fähigkeiten bringt der Mensch selbst mit? Und wo braucht es vorübergehend Unterstützung, damit genau diese Ressourcen wieder stärker genutzt werden können?

Angehörige sind dabei oft eine zentrale Ressource – und tragen gleichzeitig selbst eine enorme Belastung. Mehr dazu haben wir bereits im Beitrag „Die Last, die du nicht trägst“ geschrieben.

Manchmal ist nicht nur das Symptom das Problem

Im Verlauf einer Begleitung merken wir manchmal gemeinsam, dass nicht nur die Erkrankung selbst den Alltag erschwert.

Manchmal spielen auch Überzeugungen und Denkmuster eine Rolle: „Ich darf niemandem zur Last fallen.“ – „Wenn ich eine Panikattacke bekomme, verliere ich die Kontrolle.“ – „Wenn ich es nicht perfekt mache, habe ich versagt.“ – „Andere schaffen das doch auch, also muss ich das alleine können.“

Dann geht es nicht darum, einem Menschen zu erklären, wie er denken soll. Sondern gemeinsam zu prüfen: Hilft mir dieses Mindset im Moment – oder macht es meinen Alltag schwerer?

Und wenn es eher hinderlich geworden ist: Was könnte ich anders betrachten? Was könnte ich ausprobieren?

Das kann Psychoedukation sein. Reflexion. Verhaltensänderung. Ressourcenarbeit. Manchmal auch einfach das gemeinsame Aushalten eines Gedankens, bis daraus eine neue Perspektive entstehen kann.

Psychiatrische Spitex und Klientin planen gemeinsam alltagsnahe Unterstützung

Unser wichtigstes Werkzeug passt in keine Pflegetasche

Natürlich arbeiten wir mit Fachwissen, Assessments, Psychoedukation, Krisenplänen, Interventionen zur Emotionsregulation, Exposition, Medikamentenmanagement, Angehörigenarbeit, Recovery-orientierten Ansätzen und interprofessioneller Zusammenarbeit.

Aber eines unserer wichtigsten Werkzeuge kann man weder bestellen noch verordnen: die Beziehung.

In der psychiatrischen Pflege ist die therapeutische Beziehung kein netter Zusatz. Sie ist häufig überhaupt erst die Voraussetzung dafür, dass andere Interventionen möglich werden.

Eine systematische Übersichtsarbeit beschreibt die therapeutische Allianz als einen Kernbestandteil psychiatrischer Pflege. Gleichzeitig zeigte die Review, dass konkrete Interventionen zur Verbesserung dieser Allianz bislang nur begrenzt und methodisch heterogen untersucht sind (Hartley et al., 2020).

Eine weitere systematische Übersichtsarbeit aus gemeindenahen psychiatrischen Diensten fand unter anderem Zusammenhänge zwischen positiver bewerteter therapeutischer Beziehung, Recovery-Orientierung, Shared Decision-Making und dem Erkennen individueller Bedürfnisse (Marchi et al., 2024).

Bevor jemand von Suizidgedanken erzählt, muss er möglicherweise zuerst glauben, dass wir diese Aussage aushalten. Bevor jemand mit uns an einer Angststörung arbeitet, muss er vielleicht erleben: Da ist jemand, der mich nicht drängt – aber auch nicht sofort aufgibt.

Warum das von aussen manchmal wie „nur ein Gespräch“ oder sogar wie Kaffeetrinken aussehen kann, haben wir im Beitrag „Das typische psychiatrische Kaffeetrinken“ ausführlicher beschrieben.

Vertrauen lässt sich nicht verordnen

Ein Beispiel aus dem Praxisalltag – selbstverständlich anonymisiert und so erzählt, dass keine Rückschlüsse auf eine Person möglich sind:

Eine Klientin rief mich während eines Arztgesprächs an. Der Arzt wollte ihre Medikation verändern.

„Was hältst du davon?“

Ich war zuerst etwas perplex. Ich sagte ihr, dass sie doch gerade beim Arzt sitze und die Medikamentenumstellung natürlich mit ihm besprechen solle.

„Mir egal, was er sagt. Was hältst du davon?“

Also erklärte ich ihr, weshalb diese Medikamentenänderung diskutiert wurde: welche Indikation dahinterstehen könnte, welche Wirkung zu erwarten wäre, welche Nebenwirkungen auftreten könnten und was es bedeuten würde, die bisherige Medikation abzusetzen beziehungsweise zu verändern.

Nicht, um für sie zu entscheiden. Sondern damit sie selbst verstehen konnte, worüber gerade entschieden wurde.

„Okay. Dann machen wir das so.“

Später rief mich der behandelnde Arzt an und fragte: „Warum vertraut die Patientin Ihnen mehr als mir?“

Ich glaube nicht, dass die richtige Antwort lautet: Weil Pflege besser ist als Medizin. Oder weil der Arzt etwas falsch gemacht hat. So einfach ist es nicht.

Vielleicht war die Antwort viel unspektakulärer: Beziehung braucht Zeit.

Ich hatte diese Klientin länger begleitet. Ich kannte ihre Ängste, ihre bisherigen Erfahrungen mit Medikamenten und wusste, wie sie Informationen verarbeitet.

Und vielleicht wusste sie vor allem eines: Wenn ich ihr etwas erkläre, möchte ich nicht über ihren Kopf hinweg entscheiden. Ich möchte, dass sie versteht, worüber entschieden wird.

Genau darin liegt für mich ein Kern psychiatrischer Pflege: nicht „Mach das, weil wir Fachpersonen sagen, dass es richtig ist.“ Sondern: „Lass uns gemeinsam anschauen, was diese Entscheidung bedeutet.“

Therapeutische Beziehung und vertrauensvolles Gespräch bei einem psychiatrischen Spitex-Besuch

Wann sollte ich als Hausarzt, Psychiater oder Sozialarbeiter an psychiatrische Spitex denken?

Vielleicht nicht erst dann, wenn eine Situation bereits eskaliert ist. Sondern zum Beispiel dann, wenn:

  • eine Behandlung zwar vorhanden ist, aber im Alltag kaum umgesetzt werden kann,

  • Termine wiederholt nicht wahrgenommen werden,

  • Medikamente zwar verordnet sind, aber Unsicherheit, Nebenwirkungen oder mangelnde Adhärenz bestehen,

  • Angehörige zunehmend kompensieren und an Belastungsgrenzen kommen,

  • Tagesstruktur, Schlaf-Wach-Rhythmus oder soziale Kontakte zunehmend verloren gehen,

  • nach einem Klinikaufenthalt Stabilität zu Hause aufgebaut werden muss,

  • Frühwarnzeichen erkannt und Krisen möglichst früh aufgefangen werden sollen,

  • psychotherapeutische oder ärztliche Termine allein nicht ausreichen,

  • oder Sie als Fachperson merken: „Eigentlich müsste zwischen meinen Terminen jemand häufiger hinschauen.“

Und was ist mit Wartezeiten?

Viele Menschen erhalten heute die Empfehlung, eine Psychotherapie oder psychiatrische Behandlung zu beginnen. Dann kommt die Realität: Kein Platz frei. Wartezeit. Noch einmal telefonieren. Noch eine Absage. Noch ein Monat.

Wartezeit ist aber nicht einfach neutrale Zeit.

Eine retrospektive Untersuchung von 715 ambulant behandelten Menschen mit Major Depression zeigte, dass längere Wartezeiten bis zum Behandlungsbeginn mit ungünstigeren Behandlungsergebnissen nach sechs Monaten verbunden waren. Dieser Zusammenhang blieb auch nach statistischer Berücksichtigung klinischer Einflussfaktoren wie Depressionsschwere und Suizidalität bestehen (van Dijk et al., 2023).

Wichtig ist die wissenschaftliche Einordnung: Als retrospektive Beobachtungsstudie kann die Untersuchung keine eindeutige Kausalität belegen. Die Ergebnisse unterstreichen jedoch, dass längere Wartezeiten klinisch relevant sein können.

Psychiatrische Spitex ersetzt während dieser Zeit weder Psychotherapie noch psychiatrische Fachbehandlung.

Aber sie kann helfen, aus einer Wartezeit keine unbehandelte Zeit werden zu lassen.

In dieser Phase können beispielsweise Tagesstruktur stabilisiert, Krisenpläne erarbeitet, Schlaf und Aktivität beobachtet, Medikamenteneinnahme begleitet, Angehörige unterstützt, Ressourcen aktiviert, Frühwarnzeichen erkannt und eine therapeutische Beziehung aufgebaut werden.

Psychiatrische Spitex ersetzt andere Fachpersonen nicht

Psychiatrische Spitex ist keine Ersatzpsychotherapie. Sie ersetzt keine fachärztliche Diagnostik. Sie übernimmt nicht die Rolle eines Sozialdienstes. Und sie sollte auch nicht versuchen, alles selbst zu lösen.

Gute psychiatrische Versorgung funktioniert als Netzwerk: Hausarzt, Psychiaterin, Psychotherapeut, Sozialarbeit, Klinik, Angehörige, Pflege – und im Zentrum der Mensch selbst.

Die WHO beschreibt gemeindenahe psychiatrische Versorgung entsprechend als personenzentriert, möglichst nah am Lebensumfeld und eingebettet in ein Netzwerk verschiedener Unterstützungsangebote (World Health Organization, 2021).

Unsere Rolle ist dabei oft besonders: Wir erleben Menschen nicht nur in einem Behandlungsraum. Wir sehen, was zwischen den Terminen passiert – dort, wo Krankheit, Beziehung, Arbeit, Familie, Ängste, Gewohnheiten und Ressourcen aufeinandertreffen.

Vielleicht liegt genau darin die Stärke psychiatrischer Pflege

Eine Psychotherapeutin sieht ihren Patienten vielleicht einmal pro Woche. Ein Psychiater möglicherweise alle paar Wochen. Der Hausarzt sieht einen Ausschnitt. Der Sozialdienst einen anderen.

Psychiatrische Pflege kann häufig genau dort hinschauen, wo das Leben dazwischen passiert. Nicht weil sie wichtiger wäre. Sondern weil sie anders hinschaut.

Deshalb lautet die Frage bei einer 25-jährigen Patientin für mich nicht: „Warum braucht sie Spitex, obwohl sie mobil ist?“

Sondern: „Was hindert sie im Moment daran, ihr Leben so zu führen, wie sie es eigentlich möchte – und welche Unterstützung hilft ihr dabei, wieder mehr davon selbst zu übernehmen?“

Vielleicht braucht sie psychiatrische Spitex. Vielleicht auch nicht. Eine gute Abklärung darf zu beiden Ergebnissen kommen.

Aber Alter und körperliche Mobilität beantworten diese Frage nicht.

Psychiatrische Pflege beginnt nicht dort, wo jemand körperlich unselbstständig wird. Sie beginnt dort, wo eine psychische Erkrankung Alltag, Beziehungen und Selbstständigkeit beeinflusst.

Und manchmal besteht eine unserer wirksamsten Interventionen nicht darin, etwas Besonderes zu tun. Sondern darin, über längere Zeit verlässlich da zu sein, gemeinsam hinzuschauen und wiederzukommen.

Wann könnte psychiatrische Spitex sinnvoll sein?

Wenn Sie als Hausärztin oder Hausarzt, Psychiater:in, Psychotherapeut:in, Sozialarbeiter:in, Angehörige:r oder betroffene Person unsicher sind, ob psychiatrische Spitex eine sinnvolle Ergänzung sein könnte, lohnt sich eine fachliche Rücksprache.

Bei plena vita begleiten wir Menschen mit psychischen Erkrankungen in ihrem eigenen Lebensumfeld und arbeiten dabei eng mit bestehenden Behandlerinnen und Behandlern sowie weiteren Bezugspersonen zusammen.

Das Ziel ist nicht, Menschen möglichst lange von Unterstützung abhängig zu machen. Im Gegenteil: Gute psychiatrische Pflege sollte Menschen dabei unterstützen, wieder möglichst viel Selbstständigkeit, Selbstwirksamkeit und Entscheidungsspielraum zurückzugewinnen.

Eine Frage an euch

Psychiatrische Pflege wirft viele Fragen auf – und wahrscheinlich gibt es Themen, über die wir hier bisher noch gar nicht gesprochen haben.

Was wollt ihr als Nächstes in unserem Blog lesen?

Vielleicht etwas über Medikamente? Angehörigenarbeit? ADHS? Psychosen? Angst? Professionelle Nähe und Distanz? Recovery? Oder etwas ganz anderes, das euch in der Psychiatrie schon lange beschäftigt?

Schreibt eure Frage oder euer Wunschthema in die Kommentare.

Wir sammeln die Rückmeldungen – und eines der nächsten Themen kommt direkt von euch.

Literatur

Hartley, S., Raphael, J., Lovell, K., & Berry, K. (2020). Effective nurse–patient relationships in mental health care: A systematic review of interventions to improve the therapeutic alliance. International Journal of Nursing Studies, 102, 103490. https://doi.org/10.1016/j.ijnurstu.2019.103490

Marchi, M., Venturi, G., Visentini, C., Pinelli, M., Priebe, S., & Galeazzi, G. M. (2024). The therapeutic relationship in community mental health services: A systematic review of the literature. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology, 59(5), 731–743. https://doi.org/10.1007/s00127-023-02581-2

van Dijk, D. A., Meijer, R. M., van den Boogaard, T. M., Spijker, J., Ruhé, H. G., & Peeters, F. P. M. L. (2023). Worse off by waiting for treatment? The impact of waiting time on clinical course and treatment outcome for depression in routine care. Journal of Affective Disorders, 322, 205–211. https://doi.org/10.1016/j.jad.2022.11.011

World Health Organization. (2021). Guidance on community mental health services: Promoting person-centred and rights-based approaches. World Health Organization.

 
 
 

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