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Von Candy Shop zu Krisenkompetenz – Was 50 Cent, das Openair Frauenfeld und mentale Gesundheit verbindet

„I’ll take you to the Candy Shop…“

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Ja, er hat es wirklich wieder gesungen. Live. Am Openair Frauenfeld.

Und ganz ehrlich – es war heiss, staubig, laut – aber dafür ein Erlebnis, das ich nicht vergessen werde:

50 Cent live. Mein persönliches Highlight.

 

„Go shorty, it’s your birthday“ – wenn du diesen Satz im Schlaf aufsagen kannst, gehörst du wahrscheinlich zur Generation, die noch mit dem Walkman eingeschlafen ist, Bravo gelesen hat und glaubte, ein Pimp sei ein charismatischer Unternehmer mit Hang zu Goldketten.

Kurz gesagt: Wir sind die 90er-Kids.

 

Ein Rückblick mit Bass und Bedeutung.

Als 50 die Bühne betrat, war es, als hätte jemand die Zeit zurückgedreht.

Ich war plötzlich wieder 15, trug Baggy-Jeans, hörte Get Rich or Die Tryin’ auf dem Discman – und hatte keine Ahnung, wie man mit einer Frau spricht. Aber 50 hatte Tipps:

Wie man sie aus der Friendzone holt, was man im Club tut und wie man „like a P.I.M.P.“ auftritt (Spoiler: besser nicht nachmachen).

 

Doch hinter der coolen Fassade steckte mehr:

Wut. Angst. Hoffnung.

Nicht nur Beats, sondern Emotionen. Unverarbeitet. Roh. Echt.

 

Wut, Angst, Hoffnung – Drei Gäste, die gehört werden wollen

 

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Früher war Hiphop mehr als Musik – er war eine Plattform.

Er erzählte vom Überleben, von Stolz, von innerer Stärke.

Was wir heute in der Fachsprache Resilienz nennen, nannten wir damals einfach: „hart bleiben“.

 

Und genau das ist auch Thema in meiner täglichen Arbeit in der psychiatrischen Pflege:

Ich treffe Menschen, die gelernt haben, Gefühle zu unterdrücken – aus Angst, Schwäche zu zeigen.

Aber: Unterdrückte Emotionen werden nicht weniger. Sie werden nur stiller – bis sie laut zurückkommen.

 

Darum sage ich meinen Klient:innen immer wieder:

Lasst eure Wut raus.

  Sprecht über eure Ängste.

Sagt, was ihr braucht – denn niemand hört Bedürfnisse, die nie geäussert wurden.



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Hiphop war ein Ventil.

Ein Raum für das Unausgesprochene. Ein Ort, an dem Verletzlichkeit Rhythmus bekam.

 

Was ist eigentlich Resilienz? – Ein kurzer Fachinput

 

Resilienz ist die Fähigkeit, trotz belastender Umstände psychisch gesund zu bleiben. Sie ist nicht angeboren – sie kann sich entwickeln.

 

Die Forschung beschreibt sieben Schlüsselfaktoren (Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2019):

  • Selbstwahrnehmung und Emotionsregulation

  • Selbstwirksamkeit

  • Soziale Beziehungen

  • Problemlösefähigkeit

  • Optimismus

  • Zukunftsorientierung

  • Sinn erleben

 

Und ja – Musik, besonders mit emotionalem Ausdruck, kann helfen, einige dieser Faktoren zu aktivieren:

Sie spendet Trost, gibt Orientierung, vermittelt Zugehörigkeit und verleiht Sprache, wo Worte fehlen.

 

Von Geschichten zu Status: Was ist aus Hiphop geworden?

 

Heute geht es in vielen Tracks um Xanax, Luxusuhren und Numbness statt Narrative.

Gefühle gelten oft als uncool, Verletzlichkeit als Schwäche.

Doch genau das ist gefährlich – besonders für junge Menschen.

 

Psychische Belastungen bei Jugendlichen steigen seit Jahren an – auch, weil reale Emotionen im Vergleich zu Instagram- oder TikTok-Welten oft keinen Platz haben.

Die Folgen? Selbstzweifel, sozialer Rückzug, Erschöpfung.

 

Früher war Hiphop ein Spiegel: rau, unbequem, aber ehrlich.

Heute wirkt er oft wie eine Hochglanz-Fassade mit Filter.

 

Oder wie 50 Cent selbst sagte:

 

„Sunny days wouldn’t be special, if it wasn’t for rain.“

Das könnte genauso gut an der Wand einer psychotherapeutischen Praxis stehen.

 

Candy Shop & Co. – Zwischen Macho und Menschlichkeit

 

Klar – viele Texte von damals sind aus heutiger Sicht grenzwertig.

„I’ll let you lick the lollipop“ ist sicher kein Vorschlag für den Ethikunterricht.

Aber hinter der sexualisierten Fassade lag oft auch:

Das Bedürfnis nach Nähe, Verbindung, Intimität.

 

Heute nennen wir das:

 

Bindungsbedürfnis.

Früher drückte man es mit Hüftschwung und Double-Time aus.

 

Was bleibt nach dem Festival?

 

Ich bin älter geworden. Hiphop auch.

Ich finde mich nicht mehr in allem wieder – aber ich erkenne die Kraft, die Musik haben kann.

 

Ob im Club, in der Klinik oder im Kopf:

 

Resilienz bedeutet nicht, alles im Griff zu haben.

Sondern weiterzugehen – mit allem, was man fühlt.

 

Und genau daran hat mich 50 Cent erinnert.

Dass Musik mehr sein kann als Unterhaltung.

Sie kann Heilung sein.

 

Oder wie ich es meinen Klient:innen oft sage:

 

„Eure Gefühle sind nicht das Problem.

Das Problem ist, wenn ihr sie nicht rauslasst.“

 

Und du?

 

Welche Musik begleitet dich durch schwere Zeiten?

Was ist dein persönlicher „Candy Shop“ – der Ort, an dem du dich spürst, verbindest, heilst?

 

Vielleicht ist es Zeit, wieder öfter hinzuhören.

Nicht nur auf Beats. Sondern auf dich.

 

Bleib laut. Bleib echt.

Und tanz – auch wenn’s nur im Kopf ist.

 
 
 

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